(Autor Justin Bärwaldt)[1]
Saboteure oder Mentoren - wer hat in unserem Unterbewusstsein das Sagen?
Physisch gesehen sind wir naturbedingt in Regelfällen immer eine Person. Unsere Psyche hingegen beherbergt eine Gruppe an Personen, die tagtäglich unser Verhalten steuert: Seien es Entscheidungen, Emotionen, oder Verhaltensweisen und Kommunikation. Richard C. Schwartz bezeichnet diese Diversität an Stimmen als „Repräsentation der normalen Vielfalt der Psyche.“ Kurzum: die Personen sind ein elementarer Bestandteil unserer Psyche, obschon unsereins es vermutlich weder vermag, diese verschiedenen Personen zu benennen noch auseinander zu halten.

Die spannenden Fragen hierbei lauten: wie können Sie diese Gruppe für sich zu Nutze machen? Wie führen Sie diese und rücken die Person in den Vordergrund, die Sie jeweils an einem bestimmten Zeitpunkt Ihrer Wahl am ehesten brauchen?

Zur Illustration

Um den angesprochenen Personen Formen und Konturen verleihen zu können, sei folgender Sachverhalt gegeben:

Der noch unentschiedene potenzielle Käufer (im Folgenden K genannt) eines neuen Autos begibt sich in ein Autohaus seiner Wahl und lässt sich vom kundigen Berater (B) einige Modelle zeigen. Ks Kriterien, bevor er das Autohaus betrat, lauteten: ein Stadtauto, welches die Parkplatzsuche vereinfacht.

B zeigt dem K mehrere vier- und zweitürige Autos, von denen K zwei Modelle favorisiert:

  1. Ein zweitüriges Auto (S), einer Marke, die damit wirbt, die Parkplatzsuche – trotz der zunehmenden Urbanisierung der Menschheit – zu einem Kinderspiel zu machen, auf der anderen Seite einen stolzen Preis zu veranschlagt und der Stauraum ob der Größe des Autos entsprechend knapp bemessen ist.
  2. Ein viertüriges Auto (U), einer Automarke die kürzlich aufgrund falscher Angaben in die Schlagzeilen der Medien geraten war. Der etwas größer als der S ist, demgemäß mehr Stauraum verspricht aber dennoch eine Größe hat, welche die Parkplatzsuche – verglichen mit Ks jetzigem Auto deutlich vereinfachen würde.

In Ks Kopf melden sich folgende Stimmen/Personen:

  • Der Ästhet: findet, dass S kantigere Formen aufweist und so schöner und jugendlicher wirke
  • Der Vernünftige: führt an, dass den Fahrzeugführer das Außendesign des S während der Fahrt nicht tangiere, dies also kein Kaufkriterium sei
  • Der Sparsame: meint, dass das Preis-Leistungsverhältnis beim U ausgewogener sei, da man beim S „für den Namen mitbezahle“
  • Die Mütterliche: meldet, dass die Knautschzone beim S geringer sei, sprich: das gefährlichere Auto
  • Der Kritiker: schimpft, dass mit beiden Autos längere Reisen nicht praktikabel, und zudem familienuntauglich, sein.
  • Der Bescheidene: plädiert für U, da S ein „Understatement“ sei, jeder jedoch um den hohen Preis dessen wisse

Sprich: ein Wirrwarr aus Meinungen und Wertungen. Doch wie derer Herr werden? (vergleiche Sigmund Freud: „nicht Herr im eigenen Hause sein [2]“)

Um diese Frage besser beantworten zu können, ist eine Gliederung der Stimmen anhand ihrer Wirkung ein wichtiger Baustein:
Theorie von Ursula M. Wagner:

Wagner unterteilt die Stimmen in Saboteure und Mentoren.

  1. Saboteure

Laut Wagner blockierten uns die Saboteure und führten zu persönlicher Unzufriedenheit.

  1. Mentoren

Das Pendant, die Mentoren, dränge die Saboteure zurück und resultierte in einem positiven Lebensgefühl.

Des Weiteren, sei die Intention beider Gruppen dieselbe: sie wollen helfen, uns an entsprechende Lebensumstände anzupassen.

Theorie von Richard C. Schwartz:

Schwartz unterteilt die Gruppen in Teile, Manager, Tyrannen, Verbannte und Feuerbekämpfer.

  1. Teile

Die Teile sorgten für Motivation bezüglich der lebenserhaltende Dinge wie die Nahrungsbeschaffung.

  1. Manager

Die Manager seien vergleich mit der moralischen Instanz, so Schwartz. Sie würden zwischen Gut und Böse unterscheiden. Sie entstünden in der Kindheit durch Sanktionen und Belohnungen.

  1. Tyrannen

Tyrannen seien übereifrige Manager, die in einer übersteigerten Erwartungshaltung resultierten. Der Übereifer entstehe, wenn das Erscheinen eines Verbannten drohe.

  1. Verbannte

Verbannte personifizierten vergangene Erfahrungen, die der Mensch verdrängen wolle. Es könnten Ängste, Enttäuschungen oder ähnliche sein, in jedem Falle sehe der Mensch die Regungen der Psyche als nicht liebens- und wünschenswert an. In diesem Falle greife der Manager (=Tyrann) ein und überreguliere, um das nahende Erscheinen des Verbannten zu verhindern. Beispielsweise: man solle noch netter sein, bis hin zur Selbstaufgabe, um das Risiko persönlicher Ablehnung von anderen zu minimieren, bevor es zu einer solchen überhaupt kam.

  1. Feuerbekämpfer

Die Feuerbekämpfer seien diejenigen, die erscheinen würden, wenn ein Verbannter akut durch Verletzlichkeit, Minderwertigkeitsgefühle das psychische Wohlsein bedrohe. Sie sorgen für Ablenkung auf der bewussten Ebene, sei es durch „Power-Shopping“ oder Alkoholgenuss. Auf der unbewussten Ebene wirke der Verbannte jedoch weiter, weshalb der Feuerbekämpfer nur kurzweilig helfe.

Theorie von Friedmann Schutz von Thun:

Der Psychologieprofessor entwarf die Theorie des „inneren Teams“ in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrtausends. Schutz von Thun wiederum gliedert die Stimmen in die Vordermannschaft und das Schattenkabinett:

  1. Vordermannschaft

Diese bestehe aus positiven Eigenschaften wie Dynamik, Belastbarkeit und Lebensfreude.

  1. Schattenkabinett

Das Schattenkabinett sei ein Sammelsurium aus negativen Gefühlzuständen. So sei die eine Stimme genervt, die andere ausgebrannt, etc.

Wenn das Schattenkabinett nicht beachtet werde, dann drohe der Zusammenbruch der äußerlichen Fassade, welche die Vordermannschaft Aufrecht zu erhalten versuche. Schutz von Thun bemüht dabei das Bild einer „Untergrundbewegung, die Widerstand leistet und in Form von Erschöpfung oder Depression durch die Hintertür kommt und die Macht ergreift.“ Zudem führt er weiter aus, dass die Vordermannschaft sich aus Erwartungen der Gesellschaft an den Einzelnen, also durch äußere Einflüsse, formiere und somit Ausdruck des Zeitgeistes sei.

Die Lösung

Die drei genannten meinen einhellig, die Installation eines „Oberhauptes.“

Dieses Oberhaupt habe die Aufgabe, anhand einer „Willkommenskultur“ alle Stimmen zunächst wertfrei zu „hören“ und zu kategorisieren (beispielsweise: Pro-Lager bezüglich des zweitürigen Autos). Anschließend solle das Oberhaupt als eine Art „Überinstanz“ die Entscheidung fällen durch Abwägung der Argumente. Dadurch solle eine Bewusstmachung aller Stimmen sowie rationalisierte Entscheidungsfindung erreicht werden.

Um auf den oben genannten Autokauf zurück zu kommen:

Der zweifelnde K hätte sich alle Stimmen bewusstgemacht, sie willkommen geheißen, und sich anschließend – nach voriger Absprache mit allen – für den zweitürigen S entschieden.

Übung: Lernen Sie Ihre Team-Mitglieder kennen!

Nehmen Sie bei der nächsten Entscheidung Zettel und Stift zur Hand und versuchen Sie, alle inneren Stimmen zu benennen und zu kategorisieren.
Achten Sie insbesondere auf die „leisen, zögerlichen“ Stimmen. Je öfter Sie die Übungen wiederholen, desto besser können Sie jede einzelne vernehmen und anschließend bewerten, ob sie für die finale Entscheidung förderlich ist oder nicht.
Anmerkung

Diese hier dargelegte Übung eigne sich nicht für Traumatherapien, so Dagmar Kumbier. Diese benötigten einen „anderen Zugang.“ Insbesondere, da traumatisierte „Stimmen“ sich erst spät sowie ritualisiert meldeten. Zudem hätten sie eine solche emotionale Wucht wie Dominanz, dass ein gedanklicher „Oberhaupt“ ihrer nicht Herr werden könne.

Solche traumatischen Erlebnisse bedürfen besonderer professioneller Aufmerksamkeit.

Sollten Sie ein solches Erlebnis oder gar mehrere erlebt haben, bitte ich Sie dem Rat zu folgen und die vorgestellte Methode nicht zur „Selbst-Heilung“ zu nutzen, sondern sich vielmehr professionellen Methoden zuwenden, sofern Sie das mögen.

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[1] Die in diesem Artikel dargestellten Fakten wie Beispiele basieren weitestgehend auf dem Artikel von Ursula Nuber: „Das innere Team: Finden Sie heraus, was in Ihnen los ist!

Dieser erschien in der Zeitschrift „Psychologie Heute“ in der November-Ausgabe aus dem Jahr 2013 (11/2013). Wortgleiche Textpassagen zum zugrundeliegenden Text sind vom Autor dieses Textes in keiner Weise beabsichtigt.

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Kränkungen_der_Menschheit