(Autor Justin Bärwaldt)

Die Ambivalenz ist es, welche den Stress so interessant werden lässt.

Er beflügelt den einen, den anderen lähmt er. Der damit verbundene Druck kann unter Umständen zu Krankheiten führen, oder vor ihnen schützen. Der Stress stellt ein zentrales Merkmal und unser heutigen Leistungsgesellschaft dar, und wird von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) als einer der größten Krankheitsfaktoren des 21. Jahrhunderts geführt.

Zeit, sich näher mit dem Stress auseinander zu setzen.

Stress – seit Urzeiten eine Lebensversicherung

Schon unsere Urahnen, zu Zeiten der Jäger und Sammler empfanden Stress – und rettete damals mehr als einmal diverse Leben. Stress war damals wie heute eine Antwort auf existentielle Bedrohungen.

Die Jäger und Sammler waren mit anderen Auslösereizen für Stress konfrontiert, als unsereins heutzutage. So stellte ein Raubtier damals das Klimax an Bedrohung dar, was wohl heute vergleichbar mit einer Kündigung ist, aber dazu später mehr.

Da unsere Vorfahren mit großer Wahrscheinlichkeit nicht alle derart souverän mit einer solchen Bedrohung umgegangen sind, wie Old Shatterhand bei seiner ersten Begegnung mit einem Grizzly-Bären in Karl Mays „Winnetou I“ – eine Begegnung, die ihm später die Sympathien des gleichnamigen, noch jungem Apachen-Häuptlings sichern sollte –  werden die mit Stress einhergehenden Symptome, bestehend aus dem Stressor und der Stressantwort, eingesetzt haben.

Der Stressor, um beim genannten Beispiel zu bleiben, wäre das Erblicken des Raubtieres. Stressoren sind Ereignisse, die einen in Angst, beziehungsweise Anspannung versetzen. Auf den Stressor folgt umgehend die Stressantwort, die uns zwei Möglichkeiten lässt. Angriff oder Flucht.

Sie stimuliert den Geist – unwichtige Informationen werden ausgeblendet, Hormone alarmieren unser Nervensystem. Die zwei Möglichkeiten werden permanent in Bruchteilen von Sekunden gegeneinander abgewogen, welche die lohnendere ist. Verspricht der Angriff eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit oder die Flucht? Zugleich wird die Aufnahmefähigkeit gesteigert und Fluchtwege gemerkt, auch um bei einem wiederholten Treffen mit einem Raubtier noch schneller agieren zu können.

Der Druck und das Immunsystem

Bei einer Begegnung mit einem unserer Fressfeinde trifft der Körper innerhalb von Sekunden durch Stoffwechselvorgänge alle nötigen Vorkehrungen, um die Überlebenschancen zu maximieren:

Noradrenalin und Adrenalin fluten unseren Körper, wobei ersteres in Gehirnareale gelangt, die unsere Gefühle regulieren und dort bewirkt, dass unser Verlangen nach Sex, Essen und Schlaf abgeschaltet werden. Zweiteres  sorgt für eine hohe Aufnahmefähigkeit, und in Kombination lösen beide die Plünderung unseres Energiehaushaltes, bestehend aus Fetten und Zucker, aus. Hierbei kann der Mensch die letzten zehn Prozent an Energie im Körper verbrauchen, die ausschließlich für solche lebensbedrohlichen Situationen gespeichert werden. Ein Schutzmechanismus der bei Missbrauch (diverse Doping-Fälle haben dies bewiesen) zum Tode durch Erschöpfung führen kann.

Hat diese Stressantwort keinen Erfolg, so wirkt die zweite Stressantwort auf unser Immunsystem. Sie bewirkt eine Verlangsamung der (Stress-)Antwort, verstärkt sie aber zugleich:

Das Hormon „Cortisol“ wird ausgeschüttet, Abwehrzellen wandern in die Gewebe, bilden dort eine Art Phalanx, um potenzielle Invasoren abzuwehren, das Blut verdickt – um bei Verletzungen schneller zu gerinnen. Zudem werden Opiate ausgeschüttet, um das Schmerzempfinden zu lindern und die Handlungsfähigkeit zu gewährleisten.

Kurzum, die in zwei Schritte geteilte Stressantwort löst eine Reihe von Vorgängen im Immunsystem aus, die für kurzweiligen Stress ausgelegt sind, beileibe nicht für Permanenz.

Beständiger Druck – Quo Vadis moderne Leistungsgesellschaft?

In der Evolution hat sich die Kombination aus Stressor und Stressantwort derartig gut bewährt, dass sie sich nicht degeneriert hat, sondern wir, Menschen des 21. Jahrhunderts, genauso auf einen Existenz gefährdenden Stressor reagieren wie zu Zeiten der Homo Sapiens. Einzig unsere Gesellschaftsform hat sich weiterentwickelt, weshalb Stress uns heute mehr Scherereien bringen kann. Was früher Fressfeinde und Hunger waren, sind heute Mahnungen, Entlassungen und vielleicht gar Arbeitskollegen, denn:

Die Arbeit ist die Basis unseres Systems. Sie ist gleichbedeutend mit wirtschaftlichem und sozialem Status – und nimmt Tempo auf.

Erreichbarkeit rund um die Uhr ist in einigen Berufen bereits Gang und Gebe – dem Smartphone sei Dank. Konnten früher viele Arbeitnehmer/innen, die Arbeit am Arbeitsplatz lassen, dringt sie inzwischen in die Freizeit der Arbeitnehmer. Nebst  dem Leistungsdruck bei der Arbeit sollen Familienvater und –mutter im Privaten ebenfalls Leistung erbringen – Druck und Stress sind auch hier nicht von der Hand zu weisen. Schließlich ist für viele ein gutes Bildnis ihrer Familie nach innen wie außen unabdingbar, gleichbedeutend mit Erwartungshaltung des jeweiligen Partners, dass er oder sie ein guter Ehepartner, Ernährer, Freund, Erzieher und Ratgeber sein soll.

Stress lass nach!

Der permanente Stress, sorgt für einen unausgeglichenen Hormonhaushalt.  Es kommt öfter, als ursprünglich vorgesehen, zu einer Stressantwort und es folgen weder Kampf noch Flucht, sondern das Aushalten. Die körperliche Komponente fällt weg, oder haben Sie schon einmal einen Arbeitnehmer gesehen, der nach seinem erhaltenen Kündigungsschreiben bis zur Erschöpfung gerannt ist, oder gar mit dem Vorgesetzen gekämpft hat?

Qua der fehlenden Komponente klingt der Hormonhaushalt langsamer ab, das geistige Abschalten wird außerordentlich erschwert. Es ist ein stetes Auf und Ab, der Körper möchte sich den Einflüssen der Umwelt anpassen, was bei zu langen Belastungsperioden – temporär gesehen – zur dauerhaften Alarmbereitschaft führen kann. Dass jenes schädlich sein kann, muss an dieser Stelle nicht erwähnt werden.

Der immer fortwährende Überlebenskampf schwächt unser Immunsystem.

Folglich kann der Körper mit Depression, Burnout,  Suchterkrankungen, Schlaganfall, Infarkt, Durchblutungsstörungen etc. reagieren.

Doch was tun? Die Antwort ist plausibel wie einfach.

Die Stressantwort mündete früher immer in eine Aktivität, Kampf oder Flucht. Diesbezüglich ist die sinnvollste Alternative, um dem permanente Stress einen ebenbürtigen Antagonisten entgegen zu stellen: körperliche Aktivität!

Inferior und Superior oder auch negativer und positiver Stress

Anfänglich erwähnte ich die Ambivalenz des Stresses. Wer an dieser Stelle – nachdem ich so viel Negatives über den Druck schrieb – zweifelt, dem sei folgendes gesagt:

Eine britische Studie[1] fand heraus, dass Manager unter weniger Stress leiden, als Arbeiter in inferioreren Stellungen. Bei Menschen, die monotone, einfache Jobs verrichten, beziehungsweise, die keinerlei Entscheidungsgewalt innehaben, wurde ein erhöhter Cortisol-Haushalt festgestellt. Sie litten vermehrt unter Stress, obwohl sie weniger Verantwortung zu tragen hatten. Dieses vermeintliche Paradoxon zeigt am Beispiele des Managers, dem viele einen stressigeren Tag zusprechen würden, als einem Fabrikarbeiter, dass Stress auch gesund halten, beflügeln, zu Höchstleistungen treiben kann – wenn es selbstbestimmt ist.

Was meinen Sie, wie Sisyphus sich bei seiner Arbeit gefühlt haben mag und wie viel negativen Stress er aushalten musste?

So bleibt am Ende – die Entsagung des Diminutivs ist hier gewollt, um jeglichen Verdacht der Ironie auszuräumen – die Erkenntnis:

Die Selbstbestimmung schützt vor den Nachteilen unseres genetischen Erbes, ebenso wie die angemessene körperliche Aktivität.

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[1] vergleiche: GEOkompakt Nr. 26 03/11, S. 107